Von einer Burg, dem Papst und jeder Menge Whisky

Restaurant 12HUNDERT9 auf Burg Scharfenstein

Beinah war der Papst auf der Burg Scharfenstein. Ein Umstand, der dazu geführt hat, dass die beindruckende Burg aus dem 13. Jahrhundert vor dem Verfall gerettet wurde. So beginnt die Geschichte von der Whiskyerlebniswelt und vom Burghotel Scharfenstein. Wir besuchen die Burg und erkunden sie vom Gewölbekeller bis zum Restaurant gemeinsam mit den Gastgebern Lisa Bonda und Martin Henning.

Für Bernd Ehbrecht war der abgesagte Papstbesuch eine Gelegenheit, mit der er wohl nicht gerechnet hat. Der Geschäftsführer der Brauerei Neunspringe hat eine Vorliebe für Whisky und eine fixe Idee. Er wollte gern eigenen Whisky herstellen. Und wieso nicht auf der Burg Scharfenstein? Schließlich wurde, nachdem die Burg weitgehend instandgesetzt war, nach Nutzungskonzepten für diese gesucht. Einige Zeit später eröffnete Bernd Ehbrecht die Nine Springs Whiskywelt. Seitdem sind nicht nur die Single Malts sondern auch die Whisky-Tastings und Touren ein Erfolg.
Was Benedikt XVI. wohl davon halten würde, dass quasi seinetwegen nun Whisky auf der Burg Scharfenstein destilliert wird?

©Mira Held, TTG

Wir jedenfalls finden es spannend. Deswegen freuen wir uns das uns Lisa Bonda, Gastgeberin des Burghotels eine kleine Führung gibt. Es ist ein sinnliches Erlebnis zwischen den duftenden Fässern umherzulaufen, in denen der Whisky mindestens 3 Jahre und einen Tag lagert. 
Sinnlich ansprechend ist es auch, die edlen Tropfen zu probieren. Von Whisky habe ich wenig Ahnung, deswegen ist es umso spannender die verschiedenen Destillate zu probieren und die Unterschiede zu erschmecken. Das Sortiment der Spirituosenmanufaktur ist mittlerweile gewachsen und es gibt viele verschiedene Varianten zu entdecken. Whisky im Sherry-Fass gereift, mit mehr Torf oder aus Roggen hergestellt. Natürlich führt auch das Alter und das verwendete Getreide zu einem Unterschied im schlussendlichen Geschmack. 

©Florian Held, TTG

Flo testet währenddessen lieber die anderen Produkte: Gin, Crema di Limoncello, Cappuccino-Sahne Likör. Lisa freut sich und berichtet, dass es ein absolutes Vorurteil ist, dass Männer Whisky mögen und die Frauen eher zu den Likören greifen. Burg Scharfenstein ist beliebt bei Whiskyliebhabern jeden Geschlechts und aus der ganzen Welt. 

©Florian Held, TTG

Die Burgrösterei kann man auch besuchen ohne Hotelgast zu sein.
Wir, inzwischen leicht angetüdelt, freuen uns, dass es auf Burg Scharfenstein nicht nur eigenen Whisky gibt, sondern auch selbst gerösteten Kaffee. Davon genehmigen wir uns ein Tässchen, um uns wieder zu sortieren und mit Lisa Bonda zu plaudern. Sie erzählt ihre Geschichte:
In einer Geschichte über eine Burg, gibt es meist auch eine Prinzessin. Nennen wir sie Lisa. Prinzessin Lisa ist gelernte Automobilkauffrau und lebt im Eichsfeld, einer malerischen Region im Norden von Thüringen. Sie liebt ihre Heimat und mag auch die Gastronomie. Sie hat außerdem einen guten Draht zum Whiskykönig Bernd. Deswegen hilft sie am Wochenende ab und an in der Whiskywelt oder im Bierwagen aus. So auch bei einem folgenschweren Fest in Duderstadt.
Dort trifft sie den wackeren Ritter Martin. Dieser ist nach Jahren des Vagabundierens durch die edelsten Restaurants der Welt, in Duderstadt gelandet. Die emanzipierte Prinzessin Lisa kann das nicht mit ansehen, rettet den Ritter und nimmt ihn mit auf die Burg von König Bernd. Dort eröffnet Ritter Martin sein eigenes Hotel und so erwecken Lisa und Martin zusammen mit König Bernd, die Burg Scharfenstein wieder zum Leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trinken sie noch heute. So oder so ähnlich war es. 

©Mira Held, TTG

Mitten im Corona-Chaos eröffnet Martin Henning das Burghotel Scharfenstein mit Lisa Bonda an seiner Seite. 18 Zimmer zählt das Boutique-Hotel, das sich größtenteils im kontrovers diskutierten modernen Anbau der Burg befindet. Die Zimmer, die Kaffeestube und das Restaurant 12HUNDERT9 haben den großzügigen Einsatz von Holz, Grün und die wunderschöne Aussicht auf das Eichsfeld gemeinsam. Es ist ein luxuriöser Rückzugsort, den die beiden geschaffen haben. Martin hat jahrelang aus dem Koffer gelebt und die ein oder andere Idee aus der ganzen Welt eingepackt. „Du hast dein eigenes Omnia geschaffen“, sagte ihm kürzlich ein Freund in Anspielung auf das 5-Sterne Hotel in Zermatt, in dem Martin mehrere Jahre arbeitete.  

©Florian Held, TTG

Ganz so exklusiv wie dort ist es im Eichsfeld vielleicht nicht, aber es handelt sich um ein absolut stimmiges Gesamtkonzept. Schöne Zimmer, gutes Essen, feiner Whisky und die Natur direkt vor der Burgmauer.
Flo und ich freuen uns sehr nach dem kleinen Whisky-Tasting die kulinarische Welt des 12HUNDERT9 zu entdecken. Das Restaurant des Hotels ist nach der ersten Erwähnung der Burg im Jahr 1209 benannt. Martin konzipiert die Speisekarte für das Restaurant, steht aber selbst nur noch selten in der Küche. Er ist ausgebildeter Koch, Sommelier und Hotelmanager. Da sein Chefkoch jedoch heute verhindert ist, kommen wir in den Genuss seiner persönlichen Kochkünste.
 

©Florian Held, TTG

Serviert wird uns ein 4-Gänge Menü, das Martin mit kleinem Amuse, Zwischengang und Praline zum Schluss nochmal geschickt aufgewertet hat. 
Das Ambiente im Restaurant ist passend zum restlichen Hotel. Stilvoll mischen sich alte Elemente mit modernem Design und immerwährend beeindruckt der Blick auf Wälder und Felder des Umlands. 

©Mira Held, TTG

Die Kaffeesäcke aus der Kaffeerösterei werden für die Brotpräsentation wiederverwendet.
Wir genießen diese Auszeit und erfreuen uns an herrlich frischem Bauernbrot von der Bäckerei Thume. Bei so einem Brot, kann der Abend eigentlich nur gut werden.
Ebenfalls vielversprechend ist das Cornetto vom Rauchlachs als Amuse. Aufgepeppt ist er mit einer Avocado-Crème-fraîche-Masse und Dill. Dann wird uns die Vorspeise serviert: eine Perlhuhn Praline an Camembert-Creme mit Kräuter-Senföl und einem zierlichen pochierten Ei vom Perlhuhn.
Es folgt eine Forelle aus der nahegelegenen Wipper. Die Forelle liegt auf einem Bett von Berglinsen, drum herum gibt es einige Stangen gebratenen grünen Spargel. Abgeschmeckt ist das Ganze mit Rucolaschaum und Limette. An diesem Gericht mag ich vor allem, dass es wunderbar kombinierbar ist. Je nachdem ob man nur Linsen, Linsen mit Fisch oder Linsen mit Spargel auf der Gabel hat, erlebt man einen völlig unterschiedlichen Geschmack.  

©Florian Held, TTG

Das Hauptgericht ist Augen- wie Gaumenschmaus. Mit Pfifferlingscreme gefüllte Kirschen beherrschen das Kunstwerk auf dem Teller. Dazu setzt eine dunkle Whisky-Jus Akzente. Neben dem Rehrücken portioniert Martin etwas Pfifferlingsrisotto. Das Reh kommt aus den Wäldern rund um die Burg. Martin erzählt, dass es bald möglich sein wird, auf der Burg den Jagdschein zu machen. Feudal residieren und nebenbei die Jagdgründe erkunden. Klingt schlüssig. 
Wer etwas näher an der Natur sein möchte, soll dann auch in Blockhütten wohnen können. Auch eine Sauna im Wald ist geplant, um steifgefrorene Jäger wieder aufzutauen. Das Jagdgut kommt dann in das aktuell im Bau befindliche Kühllager und wird früher oder später auf den Tellern des 12HUNDERT9 landen.  

©Mira Held, TTG

Mir genügt es erstmal das vorhandene Reh zu kosten. Ich bin ein großer Fan der Kombination von Fleisch und Kirschen. Auch die erdige Note des Whiskys harmoniert sehr gut mit dem Rest. Ganz zu schweigen vom hervorragenden Pfifferlingsrisotto, das Flo spontan als bestes, bisher in einem Restaurant gegessenes, Risotto bezeichnet.
Noch begeistert von dieser zum Gericht gewordenen Hommage an das Umland, wird uns das Dessert serviert. Ein Whisky-Tiramisu, das am Tisch mit getrockneten Wildblumen bestreut wird. Meine kurze Angst, dass die Nachspeise uns wieder in den trunkenen Zustand des Nachmittags zurückversetzt, ist unbegründet. Der Schnaps setzt hier nur einen Akzent.

©Mira Held, TTG

Wie ich so zufrieden aus dem Fenster über das Eichsfeld schaue, bin ich Benedikt XVI. recht dankbar für seinen Beinahe-Besuch. Ohne ihn wäre die Burg Scharfenstein wohl nicht auf bestem Wege mit einem tollen Konzept zu einem einzigartigen Ort für Urlaube, Ausflüge und kulinarische Abenteuer zu werden. 

Titelbild: ©Mira Held, TTG

Infos in Kürze:

Das Restaurant 12HUNDERT9 hat von mittwoch bis Samstag von 18 bis 23 Uhr geöffnet. Die Kaffeerösterei ist von Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die Whiskywelt hat Donnerstag von 14 bis 18 Uhr, Freitag und Samstag von 11 bis 18 Uhr und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen durch die Whiskywelt, Tastings und Whiskywanderungen sind nach Voranmeldung buchbar. Das Burghotel Scharfenstein verfügt über 18 Zimmer, die über die Website buchbar sind.