Geheimtipp nicht nur für Prinzessinnen

Ein Schloss steht in Kannawurf

Wir fahren gerade durch ein Dorf namens Kannawurf, als unsere Tochter Lena ausruft: „Guck mal Papa! Da steht ein Märchenschloss. Bitte, bitte. Können wir anhalten?“ Jule und ich tauschen Blicke aus. Lena ist in der Prinzessinnenphase. Sie ist heute brav mitgetrabt auf unserer kleinen Wanderung. Warum soll sie nicht dafür belohnt werden. Ich lenke ein und folge dem Wegweiser mit der Aufschrift „Schloss Kannawurf“.

Dornröschenschlaf

Auf dem Schlossvorplatz angekommen ist es sehr ruhig. Der gesamte Komplex liegt im Dornröschenschlaf. „Da drüben ist ein Museum“, sagt Jule, Lenas Mama, und zeigt auf ein Stallgebäude mit entsprechendem Schild, direkt gegenüber vom Schlosseingang. „Nei-ein“, protestiert Lena und hüpft ungeduldig auf dem Sitzpolster herum. Sie will ins Schloss, und nicht in einen Stall mit Museum. „Ich glaube das Schloss hat zu“, werfe ich ein. „Es ist verwunschen“, erklärt Lena mit Bestimmtheit. „Na gut, dann los“, seufze ich, und wir steigen aus.

Lena läuft vornweg, auf das Tor zu. Noch ehe wir ankommen, hängt sie schon mit der ganzen Kraft ihrer fünf Jahre an der Türklinke. Und siehe da, die Tür gibt nach. „Warte Lena!“ ruft Jule. Aber unsere Tochter ist im Torbogen verschwunden. Ich fluche leise und renne hinterher. „Boah!“ sagt Lena, mitten im Schlosshof stehend. Da kann ich mich nur anschließen. Ein verwunschenes Schloss par excellence, das wir hier entdeckt haben.

©LRA Sömmerda

Begegnung mit dem Schlossherrn

Dann aber sehen wir Spuren menschlicher Anwesenheit. Offenbar gibt es einen Schlossherren, der gerade renoviert. „Hallo, guten Tag!“ sagt jemand hinter uns. Oh Schreck! Wir sind ertappt. Unbefugtes Betreten, Hausfriedensbruch usw. …. Schuldbewusst wende ich mich der Stimme zu. Doch da ist nur ein freundlich lächelnder Herr mit fliegenden grauen Haaren. „Interessieren Sie sich für unser Schloss?“ Ich stammele eine Entschuldigung und setze zu einer Erklärung an. Er winkt gelassen ab und wendet sich an Lena „Na, du magst wohl Schlösser?“ Lena ist plötzlich nicht mehr ganz so forsch, nickt aber. „Dann komm, wir machen einen kleinen Rundgang“, sagt er. „Deine Eltern dürfen natürlich mitkommen.“

Der Herr ist vom Künstlerhaus Thüringen e.V. erfahren wir. Er und ein paar andere haben das Schloss vor ein paar Jahren ebenfalls zufällig entdeckt und es kurzentschlossen gekauft. Jetzt verwandelt der Verein es in ein Kulturzentrum auf dem Lande mit Theater, Konzerten und Ausstellungen. Wir klettern auf den Turm mit der Schlossuhr und dürfen einen Blick in ihr Inneres werfen. Lena darf die Uhr sogar aufziehen. Sie tut das mit dem gebotenen Ernst und sehr vorsichtig. „Ein schönes Stück Arbeit“, sage ich anerkennend. Und meine dabei sowohl Lena als auch die Arbeit des Vereins. Unser Führer nickt bestätigend.

Ein Garten entsteht

„Ehe Sie gehen, werfen Sie einen Blick in unseren Renaissancegarten“, sagt er. „Wir legen ihn nach alten Entwürfen wieder neu an.“ Das tun wir dann auch, und beschließen auf jeden Fall wieder zu kommen, wenn die Spaliere des Gartens mit Ranken bedeckt sind. Vielleicht gibt es dann auch ein Labyrinth im Garten. Ich habe mal gelesen, die wären im 16. Jahrhundert sehr in Mode gewesen. Lena hat keine Prinzessinnengemächer im Schloss gefunden. Sie scheint aber trotzdem zufrieden, wiesie da zwischen den geometrischen Beeten vor uns durch den Garten schwebt. Wahrscheinlich ist sie gerade in Gedanken selbst eine Prinzessin, die durch ihr verwunschenes Schloss spaziert.


​​​​​​Titelbild: ©Ralf Uhlir, LRA Sömmerda

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