Die Wartburg

Faszinieren lassen

In Thüringen gibt es auf kleinstem Raum so viele Schlösser und Burgen wie nirgendwo anders in Europa. Da purzelt ihr quasi von einem Festsaal in den nächsten. Die bekannteste ist wohl die Wartburg bei Eisenach. Nur, wer sie auch persönlich besucht hat, verspürt die besondere Aura, die von ihr ausgeht. Das hängt vor allem mit den vielen Geschichten und Begebenheiten zusammen, die mit ihr verbunden sind. Wie einem Dichterwettstreit, dem Sängerkrieg, oder dem Besuch des Teufels höchstpersönlich. Ob wahr oder nicht – es gibt Erstaunliches zu erkunden und Schönes zu sehen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm. In diesem Fall ist der Wurm ein großartiger Anblick. Wenn ihr den Aufstieg zur Wartburg in der Frühe plant, wird die Burg von der Morgensonne in helles Licht getaucht. Die Fenster reflektieren das Licht, als würden sie glitzern. Allerdings ist es auch traumhaft, wenn die Sonne hinter der Burg untergeht und ihr das Spektakel von der Schanze aus betrachtet – unbedingt Handy bereithalten!

Sehr gute Aussichten

Für einen Blick über das Burgareal und den Thüringer Wald steigt ihr den Südturm hinauf. Außerhalb des Turms geht es das überdachte Holztreppchen rauf, die letzten Schritte passiert ihr im Inneren, bevor sich euch die Sicht auf den Burghof erschließt. Rundherum erstreckt sich das Grün des Thüringer Waldes. Vielleicht erblickt ihr ja das 6,50m große, goldene „M“ am bewaldeten Hang? Das ist Großherzogin Maria Pawlowna gewidmet, die 1805 nach ihrer Heirat nach Thüringen kam.

Apropos Festsaal: Die Wartburg hat natürlich auch einen. Den müsst ihr unbedingt besuchen. Sehr prachtvoll ausstaffiert und im majestätischen Rot gehalten, erklingen in diesen vier Wänden hochkarätige Konzerte. Der Saal imponierte schon im 19. Jhd. Deshalb ließ sich der bayerische Märchenkönig, Ludwig II., eine Kopie des Festsaals in Schloss Neuschwanstein bauen. 

Wo Worte Weltgeschichte wurden 

Aber zurück zum Anfang! Ich wette, euch geht es ähnlich wie mir: Kaum habe ich die Zugbrücke zum Eingang überquert, schwupp, fühle ich mich in der Zeit um einige Jahrhunderte zurückversetzt. Dichter, Schriftsteller, Prinzessinnen – sie alle haben hier auch gestanden, gelebt und Großes geschaffen. Die Geschichten scheinen regelrecht aus den kalten Mauern heraus zu wispern.

Eine ist dabei besonders laut und bekannt: Ein spezieller Herr verhinderte, dass seine Mitmenschen weiter im Dunkeln tappen mussten. Als Junker Jörg war er bei seinem 300-tägigen Aufenthalt bekannt. Ich spreche von Martin Luther. Mit seiner Übersetzung der Bibel eröffnete er dem gemeinen Volk Zugriff auf religiöse Lehren, ohne dabei auf die Kirche angewiesen zu sein. Luthers Worte prägten nicht nur die Weltgeschichte des 16. Jahrhunderts, auch heute greifen wir auf seine Wortschöpfungskünste zurück. Stellt euch vor, wir müssten auf Lockvogel und Lästermaul oder Lückenbüßer und Rotzlöffel verzichten…

Der Kampf mit dem Teufel 

©Florian Trykowski, TTG

Mein Lieblingsmoment ist der Besuch der Luther-Stube. Die Geschichte des Tintenflecks habe ich schon als Kind gehört: Während seiner Arbeit soll Luther der Teufel höchstpersönlich erschienen sein. Er schmiss mit dem Tintenfass nach ihm, was einen Klecks an der Wand hinterließ. Ob der Fleck tatsächlich beim Kampf mit dem Teufel entstand oder doch nur ein Rußfleck von Kamin war, weiß heute keiner mehr. Für waschechte Luther-Fans spielt das keine Rolle – fröhlich schabten sie sich die vermeintlichen Überreste des Gefechts von der Wand. Lange Zeit hat man sich die Mühe gemacht, ihn ständig zu erneuern. Heute sieht man ihn nicht mehr. Er ist zur Legende geworden.

Titelbild: ©Dominik Ketz, Regionalverbund Thüringer Wald e.V.